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Es war heiß und der unruhige Telemachos, der ein weißes und leichtes Gewand trug, setzte sich an den Rand einer riesigen Tasse kolumbianischen Kaffees –deutscher Marke, wohl gemerkt. Seine weißen Füße plätscherten spielerisch und der Kaffee wogte und erhob sich in einer Abfolge dunkler Tropfen, die das Gewand bekleckerten. Auf der Kaffeeoberfläche erschienen riesige schwarzweiße Igel, die im Begriff waren, auf seine Beine zu springen, aber nach einigen Versuchen ließen sie davon ab und begaben sich auf einen kleinen gelblichen Sandhügel, der am anderen Ufer der Tasse herausragte. Penelope, Telemachos Mutter, war eine emsige Spinnerin, die beschlossen hatte, den Sommerurlaub auf dieser sandigen Insel zu verbringen, weil sie Ithaka ähnelte. Sie, die Beständigkeit in Person, die treueste Seele, rieb mit mütterlicher Hingabe die Beine des Knaben mit Nivea 12 ein, um die zarte und verwöhnte Haut vor den Strahlen des treffsicheren Apollos zu schützen, dann rieb sie sich selbst ein, zuerst die perlmutternen, weißen Arme, den milchigen Bauch, die festen Brüste, die sich bei der Berührung ihrer Hände leicht erregten. Odysseus, der Listenreiche und Sprachgewandte, lag eine Zeitlang mit dem Strohhut über dem Kopf, wie eine sich sonnende Eidechse, aber seine Ruhe wurde von einer leisen Bitte, er solle ihren Rücken eincremen, gestört. Er grunzte missmutig und erledigte lieblos die Arbeit, erfüllte die leidige Pflicht jedes Ehemanns, der alle Rivalen zur Strecke gebracht hat.
Eine Stunde später verschwanden Penelopes weiße Brüste hinter den schäumenden Wellen des Kaffees, denn sie wollte schwimmen. Plötzlich erschien eine majestätische Kolonne von Schildkröten, die durch die Straße schlenderten, die Penelopes lange Haare am Ufer hinterlassen hatten. Ihr Marsch war schwerfällig, schien sich zu verlangsamen, der Blick der Schildkröten war müde. Penelope fuhr mit ihrer Hand durch die Haare, und ihr kräftiger Schlag ließ die Schildkröten nacheinander in den Kaffee fallen. Homer, ob seiner Blindheit, schrieb in geflügelten Worten die ersten Verse seines nächsten best-sellers, und lehnte verdächtig an den Beinen Penelopes. Er benutzte dabei den Kugelschreiber – der Marke Stabilo-, ein echtes Geschenk Joschka Fischers, des deutschen Außenministers, der sich damals vor Ort erkundigen wollte, ob es notwendig war, Blauhelmsoldaten in die Krisenregion zu schicken, um den Konflikt zwischen Hellas und Troja zu beschwichtigen. Homer hatte bereits ein Angebot vom boomenden Niemand-Verlag bekommen, der ihm einen Vorschuss in Höhe von 5000 US-Dollar gezahlt hatte. Man munkelte, der ionische Dichter würde den nächsten Friedenspreis des deutschen Buchhandels gewinnen, die ach so begehrte Trophäe. Homer reagierte gelassen auf diese Vermutungen und dachte, hoffentlich klappt es mit dem von mir vorgeschlagenen Waffenstillstand vor Troja, aber Odysseus hatte die Nase voll und schmiedete andere Pläne, von denen Homer nichts ahnte, und die das Schicksal des Mittelmeers für die Ewigkeit besiegeln sollten.
Telemachos, der wackere Knabe, langweilte sich, denn es war ein eintöniges Dasein, einfach am Tassenrand zu sitzen und zu warten. Daher nahm er die Füße aus dem Kaffee und sprang auf den Tisch, aber er verkalkulierte sich, trat mit Schwung auf die Untertasse, und wupps, die Tasse fiel runter, eine riesige Welle schäumenden Kaffees folgte ihr, das Chaos entstand. Der Strudel sog ihn mit, und obwohl er es in letzter Sekunde schaffte, sich an der feuchtwarmen Tischdecke festzuhalten, rutschte er und fiel dumpf auf den Boden. Der Schlag benebelte ihn, er verlor das Bewusstsein einen kurzen Augenblick. Die treue Penelope und der wackere Odysseus versuchten wie verzweifelte Lachse gegen den Strom zu schwimmen und konnten sich an einer Tischkante festhalten. Homer, der unsterbliche Dichter der Ilias, streckte ihnen seinen Kugelschreiber - Marke Stabilo – entgegen und verhinderte damit, dass sie auch auf den Boden fielen. Nachdem Odysseus sich vom Schreck erholt hatte, nahm er Bogen und Köcher und suchte auf den weiten Ebenen des Tisches nach dem Täter, nach dem Saboteuer, der ihre Ruhe und ihren gemütlichen Sonnenbad zu stören gewagt hatte. Telemachos stand wieder auf, obwohl ihm alle Knochen weh taten, holte einige Kölsch aus dem Kühlschrank, um seine Eltern zu besänftigen und auf andere Gedanken zu bringen. Odysseus meinte, er würde lieber ein Pils haben, denn Pils war das Lieblingsgetränk des Achilleus. Homer, der ehrwürdige Blinde, war verärgert. Er wollte einen Schluck vom Wodka Gorbatschow probieren, oder ein Cuba Libre. Telemachos bot ihm einen Whisky an und beteuerte, er habe kein kommunistisches Gesüff. Darauf antwortete der Dichter, er solle ideologische Hirngespinste beiseite lassen und wenigstens einen Mojito holen, aber dalli...
In seiner Funktion als Mundschenk erinnerte sich Telemachos an den schön geformten Ganymed, aber auch an seinen Freund Paris, den jungen Spund, den Schreck und die Freude aller Weiber. Ach Paris, seit vielen Monaten versuche ich dich zu erreichen, sogar ein Fax habe ich dir geschickt, als ich erfuhr, dass du die schöne Helena entführt hattest. Was ist mit deinem Faxgerät los, Paris? Wenn du eine e-mail-Adresse hast, schick sie mir an: korinthier@hallo.de. Wußtest du, Paris, dass es einen Ort namens Villa Agrippina gibt, wo Deutsch gesprochen wird, und dass es auch einen Ort namens Paris gibt, wo man Französisch spricht? Sicherlich nicht, denn du verweilst bei den schönen langen Beinen Helenas, der schönen Ehefrau des Menelao. Ich stelle mir vor, wie du unter deinem Zelt zypriotischen Wein aus den wunderschönen Brüsten Helenas trinkst, denn es heißt, sie enthalten keine Milch, sondern süßesten Wein, der den armen Menelao trunken machte. Deine groben Söldnerhände berühren nun mit Sicherheit unablässig die bezaubernd schöne und glatte Kontur ihrer festen Schenkel, und deine verspielten Finger, was werden wohl deine Finger im Schilde führen? Und dein gieriger Mund, umgeben vom Bart, in welchen dunklen Passagen, in welchem süßen Spalt wird er den Wahnsinn schmecken? Helena wird wohl vor dir liegen, keck, schamlos, glücklich, voller Begierde, zügellos, geil, wie ein Modell für den Spanier Goya. Du Glücklicher! Man munkelt, sie mag süße Schweinereien, wohl auch durchs verbotene, zerklüftete Revier. Aber Paris, unselig bist du auch, denn die Schlagzeilen in den Zeitungen der ganzen Welt teilen mit, dass der stolze Menelao es sich nicht einfach gefallen lassen wird, dass er sich diese Stute edlen Geblüts zurückholen möchte. Der Krieg der Welten und der Kulturen, meinen die Tageszeitungen und Flugblätter. Du, Paris, bist das gefundene Fressen für die Yellowpress geworden, die räudigen Wölfe. Genieß die wonnevollen Stunden, solange du kannst, du junges Ding. Stell dir vor, damals warst du ein unbekannter Soldat, zwar Prinz von Troja, aber völlig unscheinbar, und nun machst du Schlagzeilen, denn deinetwegen sieht sich die Konkurrenz gezwungen, Farbe zu bekennen. Ich meinerseits lebe glücklich und frei in Villa Agrippina, wo ich eine Blondine kennen gelernt habe, so hübsch, so besonders, dass ich nicht müde werde sie zu lieben – hoffentlich auch sie nicht -, du weißt, man sagt, Deutsch kann man am besten durch Osmose lernen, die sog. audio-sexuelle Methode. Denn in der Tat: Ich kriege einen nach dem anderen hoch, wenn ich sie nur schreien höre: ich liebe dich, ich liebe dich und mehr, oh mehr, oh mehr Liebling... Wie du siehst, alter Freund, mir geht es auch gut, ich erlerne die unvergessliche und mythische Sprache der Liebe, der fleischlichen Liebe, die alles im Weltall ergründet und alles vermag. Ich empfehle meine sterbliche Seele den Griechen und den Trojanern, meinen Körper gebe ich meiner deutschen Frau hin.
Die Erinnerung an Paris machte den jungen Telemachos wehmütig. Er dachte an das erste Mal, dass er onanierte, es war so lange her, eine stille und süße Erinnerung. Es war im Hotel Holiday Inn, auf Ithaka, und er ‚beehrte’ die stolze und unerreichbare Rachel Welch, die nackt auf einem wilden Hengst durch die Prärie ritt, ein Bild, das zum kollektiven Unbewussten aller Männer gehört. Wo hatte er sie zum ersten Mal gesehen? Er versuchte, sich genau zu erinnern, Details zu rekonstruieren. Das Bild stammte aus einem Film, den er im berüchtigten Kino Orakel gesehen hatte. Er schloss die Augen, sah Rachel Welch und war plötzlich glücklich, restlos glücklich. Anschließend ging er zum Balkon, sah sich die Abenddämmerung an und sang eine Melodie aus seiner Kindheit, eine fragwürdige Hommage an den Kannibalismus:
Komm, wir fressen meine Oma,
ich die Brust und du das Bein.
Oh, welch himmlisches Aroma,
meine Oma, die schmeckt fein.
Irgentwann ist Oma alle,
große Frage, wer kommt dann?
Und da bauen wir ‘ne Falle:
Und dann ist der Opa dran!
Und dann kommt der Homer!
Nach der ersten Runde, etwas beschwipst, beschloss Homer, die ehrwürdige Stadt mit seinen Freunden zu besichtigen. Der Dom der Villa Agrippina erinnerte Telemachos an das riesige Pferd, das sein Vater erbauen ließ, um Troja zu erobern. Aber eigentlich konnte er sich nicht daran erinnern, denn er kannte es nur vom Hörensagen, den Telemachos war nie vor Troja. Der siegreiche Odysseus, mit dem Bogen in der Hand und dem Köcher auf dem Rücken, näherte sich neugierig dem lärmenden Bahnhof und bewunderte die langen Schiffe ohne Segel, während Penelope um einige Postkarten feilschte, die den Rhein und seine stählernen Brücken, die alten Straßen, den Dom und das Rathaus abbildeten. Besonders fiel ihr der filigrane Schrein mit den Heiligen Drei Königen auf, von denen sie bis dahin gar nichts gehört hatte. Der listenreiche Odysseus schlug vor, einen kurzen Spaziergang am Rhein zu machen und nahm ihre Hand, so dass sie nicht nein sagen konnte. Sie erfreuten sich an der leichten und angenehmen Wärme des deutschen Frühsommers und Penelope, eine eingefleischte Romantikerin – sie war eine Griechin -, schmiegte sich an ihren mutigen Krieger, umarmte fest seine Taille, und wie ein verliebtes Pärchen schlenderten sie am Ufer entlang, geschützt von einer grünen Allee, und erfrischt durch die Brise, die vom Fluss träumerisch wehte.
Homer und Telemachos, die Unverbesserlichen, gingen in eine Spelunke hinein, in rein touristischer Absicht, sagten sie. Aber nach einer Minute bestellte der erblindete Dichter eine kleine Amphore Wein, der jüngere ein Kölsch, denn der prickelnde Geschmack sagte ihm wirklich zu. Anschließend begaben sie sich zum Gotischen Rathaus, eiligen Schrittes. Sie wollten noch die Römischen Bäder schaffen, um sich dort auszuruhen. Aber in der Nähe des Römisch-Germanischen Museums trafen sie einen Mann, der völlig versunken in ein kariertes Heft Notizen kritzelte. Ist dieser Mann nicht Heinrich Böll? Telemachos sah zu ihm hin und stellte fest, dass dort wirklich der Autor des Romans Das Brot der frühen Jahre saß. Der mit dem beflügelten Wort, der alte Homer, nahm aus seinem tausendjährigen Beutel die editio princeps von Frauen vor Flusslandschaft und näherte sich dem Dichter des Rheinlands und der Nachkriegszeit.
- Meister - meinte der mit der geflügelten Rede, der ehrwürdige Homer-, mit dem gebührendem Respekt möchte ich Sie darum bitten, mir das Buch zu signieren.
Heinrich Böll öffnete das Buch, eine luxuriöse Ausgabe, und fragte wie er denn hieße.
- Ich heiße Homer - meinte der ironische Dichter.
-Sie haben einen poetischen Namen - erwiderte Heinrich Böll -, mit seiner unverkennbar sanften Stimme.
-In Wirklichkeit verdanke ich meinen Namen einer meiner Geliebten, erklärte Homer. Sie verfasste zwei Epen, die sie für wertlos hielt, weil sie sehr selbstkritisch ist. Sie schenkte mir die Manuskripte, es handelte sich um die Ilias und die Odyssee. Sie meinte nur, ich solle sie unter dem Namen ihres geliebten Vaters, der auch Homer hieß, veröffentlichen.
-Ich bewundere Ihre Arbeit – sagte Heinrich Böll, zutiefst bewegt, denn er hatte in diesem kleinen Mann mit einfacher Kleidung den großen griechischen Dichter erkannt- , für Sie bin ich nichts anderes als ein einfacher Handwerker des Wortes, der gerade noch gewisse Syntaxregeln beherrscht und sich in der Rechtschreibung einigermaßen auskennt. Damals, bevor ich berühmt wurde, ernährte ich mich von Kräutern und Pflanzen. Jetzt ist es aber anders, denn als sie mich unterbrochen haben, rechnete ich aus, wie viel ich mit meinem neuesten Buch verdienen werde, ich meine, mit dem Gruppenbild mit Dame. Nach einem halben Jahr wurden einige freundliche Rezensionen veröffentlicht, aber insgesamt sind nur dreizehn Exemplare verkauft worden. Das bedeutet, dass ich ein Haben von 5,46 Euro aufweisen kann. Da ich aber einen Vorschuss in Höhe von 800 Euro bekommen habe, werde ich, wenn der Verkauf des Buchs so weiter geht, etwa 150 Jahre benötigen, um den Vorschuss zu zahlen.
- Jammern Sie nicht so viel – erwiderte Homer -, bei mir sieht es schlimmer aus als bei Ihnen. Im Unterschied zu Ihnen habe ich bis jetzt noch keinen Pfennig für meine Werke gesehen. Ich habe in den Zeitschriften und Zeitungen gelesen, sogar im Fernsehen gab es einen Dokumentarfilm darüber, dass die Verlage unermessliche Gewinne aus meinen Büchern ziehen, man denke an die Unzahl von Neudrucken und Übersetzungen in allen Weltsprachen, ohne die Piratausgaben und die Verfilmungen zu berücksichtigen. Aber ich habe nicht einmal Dank bekommen, das ist eigentlich unerhört. Aber zum Glück bin ich hier in Villa Agrippina auf Einladung von Odysseus und seiner schönen, treuen Gattin, Penelope.
- Meister –meinte Heinrich Böll- , diese Begegnung müssen wir begießen. Ich lade Sie auf einen Drink ein, im Billard um halb zehn.
Einige Stunden später saß Homer an der Bartheke, als plötzlich Heinrich Böll eintrat, pünktlich - auf die Minute abends um halb zehn - wie ein deutscher Dichter. Sie tranken auf die Götter des Olymps und auf die Musen vom Haus ohne Hüter. Stunden später saß auf dem Schoß Homers ein hübsches Mädchen, namens Claudia Ara Agrippinensis. Als der Deutsche gehen wollte, konnte Homer es nicht verstehen und bestand darauf, dass er bleiben sollte. Da holte Heinrich Böll als Entschuldigung einen Einladungsbrief von Hans Werner Richter heraus, der ihn aufforderte, an einem Seminar der Gruppe 47 teilzunehmen. Ich bin dabei, meinte Homer. Am kommenden Morgen, am dritten Mai, stiegen beide Dichter in einen Zug, der sie nach Bad Dürkheim brachte, wo das Treffen der Gruppe 47 stattfand. Homer ging in Begleitung von Claudia Ara Agrippinensis. Die dort versammelten Schriftsteller hatten nicht mit der Anwesenheit des ersten abendländischen Dichters gerechnet, und in spontaner Reaktion huldigten sie das Werk und die Person des griechischen Dichters. Nach dem Treffen kürte die Jury einstimmig den Sieger, und Heinrich Böll bekam 1000 Euro als Preis für die Erzählung Die schwarzen Schafe.
Mit den Jahren vertiefte sich die Freundschaft der beiden Dichter. Als Heinrich Böll den Nobelpreis für Literatur erhielt, reiste dieser nach Griechenland, um es mit seinem Freund und Meister gebührend zu feiern. Bedauerlicherweise wurden die Feierlichkeiten durch den plötzlichen Tod des treuen Argos unterbrochen, den Odysseus so lieb hatte. Homer fiel auch in eine tiefe Depression, die Welt schien ihm plötzlich ein sinnloses Ding. Odysseus betrank sich vor Kummer, Penelope weinte wie Maria aus Magdala: wo ist mein Hund, wo meine Seele, mein Trost in der Einsamkeit? Dann setzte der alte und weise Heinrich Böll kopfschüttelnd seine Reise nach Israel fort, und Monate später eroberte das Gruppenbild mit Dame den amerikanischen Markt und stand wochenlang auf dem ersten Platz der Bestsellerliste.
Als der deutsche Schriftsteller starb, war Homer plötzlich alt geworden. Sein Prostatakrebs war fortgeschritten und eine Infektion hatte seinen Hüfte befallen, so dass er im Bett verweilen musste. Daher schickte er Telemachos als seinen Vertreter, und dieser hielt im Bundestag eine Lobrede auf den alten Nobelpreisträger, dessen pazifistische Einstellung leider missverstanden wurde, denn man unterstellte ihm, den Terrorismus zu fördern.